Pyrenäenberghund (Rüde)

Interview

VON WÖLFEN UND HERDENSCHUTZHUNDEN

Im Gespräch mit Dr. Rolf Jaeger
(Gesellschaft. zum Schutz der Wölfe e.V.)

Der Wolf ist Vorfahr aller heute existierenden, vom Menschen gezüchteten  Hunderassen. Lange Jahre galt dieser Beutegreifer in Deutschland und  Europa als ausgestorben. Im Jahr 2000 gelang einem aus Polen  zugewanderten Wolfspaar in der Oberlausitz in Sachsen die  Welpenaufzucht. Für Deutschland soll das der erstmalig beobachtete Fall seit circa 150 Jahren gewesen sein. Die "Gesellschaft zum Schutz der  Wölfe e.V." (GzSdW) unterstützt und begleitet die Entwicklung dieses  Ereignisses. Dr. Rolf Jaeger (Bonn), der zusammen mit Dr. Peter Blanché  (München) den geschäftsführenden Vorstand der GzSdW bildet, beantwortet  im Interview mit dem "Gassi-Service-Vorgebirge" (GSV) Fragen zu Wölfen  und zu den Möglichkeiten, wirtschaftliche Schäden durch Wolfsübergriffe mit Hilfe von Herdenschutzhunden zu vermeiden.

GSV: Der Wolf wird häufig als Nahrungskonkurrent des Menschen betrachtet. Wozu sollte man Wölfe schützen?

Jaeger: Heute ist der Wolf kein wirklicher Nahrungskonkurrent des Menschen  mehr. Wenn ein Wolf die Wahl hätte, würde er wahrscheinlich lieber ein  Reh fressen als ein Schaf. Wenn ihm aber Schafe quasi auf dem  Präsentierteller angeboten werden, ungeschützt und züchtungsbedingt  nicht mehr fluchtorientiert, dann greift der Wolf auch zu einem einfach zu reißenden Beutetier wie dem Schaf. Dabei werden manchmal sogar mehr  Schafe gerissen, als zum Stillen des unmittelbaren Hungers nötig wären.

Dem einen Risiko steht jedoch ein anderer Nutzen gegenüber. Der Wolf, der außer dem Menschen keine Feinde in der Natur hat, sorgt für ein ökologisches Gleichgewicht im Sinne des Menschen. Er reduziert  die Verbissschäden durch Pflanzenfresser. Er ist im waldbaulichen Sinn relevant. Ein altes russisches Sprichwort sagt: žWo der Wolf lebt, ist  der Wald gesund.


GSV: Der Wolf gilt als Vorfahr unserer heutigen Hunderassen und bildet damit die Grundlage der Hundehaltung überhaupt. Ungeachtet dessen soll sich während des  europäischen Mittelalters ein Image-Wechsel des Wolfs aus Sicht des  Menschen vollzogen haben. In dieser Zeit erst sei das Bild des "bösen  Wolfes" aufgekommen. So zumindest kann man es auf Ihrer Internetseite  lesen. Worauf fußte dieser Dreh ins negative Bild vom Wolf?

Jaeger: Es gibt sicherlich viele Gründe für dieses Phänomen. Die Ausbreitung  des Feudalherrschaftssystems: Wölfe ”störten” die Feudalherren. Ein  Wiederaufleben des Werwolf-Mythos. Kriege, Krankheitsepidemien, Armut  waren für hohe Todesraten des Menschen verantwortlich. Dabei wurde wohl  auch einige Male beobachtet, dass sich Wölfe an menschlichen Leichen  vergriffen. Denn die konnten nicht immer “rechtzeitig”  beerdigt werden.


Wolf als Waldbauer


GSV:
Begründungen auf eine Zweckhaftigkeit des Wolfes in europäischen Landschaften gibt  es durchaus: Regulierungsnotwendigkeit eines Überbestandes an Rot- und Schwarzwild. Auch der Bestand an Niederwild, also Rehwild und  Kaninchen, könnte auf niedrigerem Level sein. Füchse und Marderarten, so scheint es zumindest, regulieren die Mäuse-, Ratten-,  Kaninchenpopulationen unzureichend. Bei Kaninchen fallen mir Grabeschäden ein, etwa in Obstbau-Anlagen. Eine Rotte Schwarzwild gräbt  in kurzer Zeit ein Maisfeld um. Die größte Rolle dürften Verbissschäden  durch Rot- und Rehwild spielen im Jungpflanzenbestand des Waldbaus. Dennoch, es gibt Förster und Jäger zur Hege und Pflege und damit zuständige Instanzen für die Dezimierung des Schalenwildes.

Jaeger: Zunächst einmal: Alles das ist grundsätzlich richtig. Es entstehen erhebliche Schäden in der Land- und Forstwirtschaft und hohe Kosten zur  Schadensvorbeugung. Mein Eindruck: Die Jäger allein schaffen es nicht,  das Schalenwild ebenso wie das Schwarzwild und damit die verschiedenen Schäden ausreichend unter Kontrolle zu halten. Ein relativ hohes  Durchschnittsalter der Jäger kann dafür nicht allein die Ursache sein.


GSV: Was halten Sie vom Argument der Jäger, man solle den Wald in kritischen  Lebensphasen des Wildes, im Winter, möglichst nicht betreten, da sonst  der Stress der Tiere zu groß würde?

Jaeger: Grundsätzlich richtig. Die durch den Winter, aber auch die durch  Aufzucht bedingten Belastungen zwingen die Tiere, ihren Energieverbrauch möglichst niedrig zu halten. Ihr Überleben lässt sich am einfachsten realisieren durch möglichst wenig Bewegung. Neugierige menschliche  Waldbesucher durchkreuzen eine solche Überlebensökonomie. Im Winter und  auch im Frühjahr. Im Frühling ist der Stressfaktor hoch durch Aufzucht der frischen Würfe. Störungen durch den Menschen haben dabei auch einen  tierschutzrechtlichen Blickwinkel.


GSV: Die  Jagdverbände argumentieren mit dem Errichten von Ablenkungsfütterungen. Vor allem Schwarzwildschäden sollen dadurch vermindert werden.

Jaeger: Ich halte diese Maßnahmen nicht für falsch. Allerdings würde ich mir  wünschen, dass solche Ablenkungsfütterungen viel konsequenter durchgeführt würden. Die Orte der Ablenkungsfütterungen sind außerdem häufig gleichzeitig die Orte, wo das Wild auch geschossen wird. Schweine sind intelligente Tiere. Die merken sich, wo ihre Artgenossen  abgeschossen wurden. Das sind nun einmal oft die von Menschen  eingerichteten Fütterungspunkte.


GSV: Also Wiedereinführung der Wölfe ...

Jaeger: Ich muss korrigieren, wenn Sie Begriffe wie Wiedereinführung oder  Wiederansiedlung verwenden: Eine aktive Wiederansiedlung oder Wiedereinführung des Wolfs in Deutschland, ebenso wie in anderen  europäischen Staaten, hat es durch den Menschen nicht gegeben. Und es  sollte auch nicht daran gedacht werden!
Es handelte sich zunächst um  Einzeltiere, die selbstständig wieder nach Deutschland eingewandert  sind. Dabei sollte nicht vergessen werden, dass in verschiedenen  Gebieten Europas immer Wölfe heimisch waren und sind. Die Strecke, die  ein wandernder Wolf zurücklegt, kann sehr weit sein. Von einem Wolf aus  der derzeitigen Lausitzer Population, dem man ein Halsband mit  GPS-Sender angelegte, ist bekannt, dass er 1.000 Kilometer gelaufen ist. Alan, so wurde das Tier genannt, lief in diesem Fall allerdings in die  umgekehrte Richtung, von Sachsen bis Weißrussland. Dort gab dann der  Sender auf. Über den weiteren Verbleib von Alan ist deshalb nichts  bekannt.


Kein Wesensmerkmal, sondern situationsbedingte Verhaltensform - problematische Begriffsbildungen


GSV:
War Alan ein sogenannter Omega-Wolf, also ein Rudelmitglied, von dem  es heißt, es erfülle als "Prügelknabe des Rudels" den Zweck, die sozialen Spannungen zwischen den übrigen Rudelmitgliedern aufzunehmen?  Von solchen Tieren heißt es außerdem, sie seien in erster Linie diejenigen, die aufgrund des auf ihnen lastenden Aggressionsdrucks das  Rudel verließen, um andernorts ein eigenes, neues Rudel zu begründen ...

Jaeger: In einem frei lebenden Wolfsrudel oder, besser ausgedrückt, in einer  Wolfsfamilie, da gibt es die Position des Omega-Wolfs nicht. Die Theorie des Prügelknaben stammt aus einer Zeit, in der die wesentlichen  Kenntnisse über Wolfsverhalten aus Beobachtungen an Gehegewölfen stammten. Die Wölfe in Gehegen sind in den wenigsten Fällen echte Rudel, sprich ein Familienverband, sondern irgendwie zusammengestellte  Wolfsgruppen. Die dort oft beobachtete und fälschlich als Dominanz  genannte Verhaltensweise bestimmter Tiere der Gruppe ist bedingt durch  die Rahmenbedingungen der Gehegehaltung. Wesentliche Verhaltensoptionen wie Flucht, Abwanderung, Territorienausformung, Anwendung von  Beutestrategien, Welpen- und Jungtieraufzucht sind dort gar nicht  möglich. Um es kurz zu sagen: Dominanz ist keine Eigenschaft, sondern  eine situationsbedingte Verhaltensform eines Wolfs. Das Gleiche gilt im Übrigen auch für den Hund.


GSV: Gut, kommen wir  zurück zum Hund! Sie sind Halter eines großen Rüden der  Herdenschutzhunderasse Pyrenäenberghund. Angenommen, es würde eine weitere Re-Etablierung des Wolfes in Westeuropa geben, so sähen Sie im  Einsatz von Herdenschutzhunden eine Möglichkeit zum Schutz von Weidetieren gegenüber Wolfsattacken.
Nun könnte man argwöhnen, der re-etablierte Wolf fungiere als Rechtfertigung zur Haltung von Herdenschutzhunden. Eine türkischer Kangal mag sich von einem  Viehbauern im Bergland Anatoliens sinnreich einsetzen lassen. Aber wie  verantwortlich ist die Haltung einer Herdenschutzhunderasse in Deutschland?

Jaeger: Hier stellt sich die grundsätzliche Frage nach der Verantwortlichkeit im Zusammenhang mit Hundehaltung. Die Frage bezieht sich an erster Stelle auf den Einsatz von Herdenschutzhunden als Schutz vor Wolfsübergriffen auf Schafe und  Ziegen. Diese Hunde müssen aus Arbeitslinien stammen. Das sind Linien, die möglichst schon mehrere Generationen erfolgreich entsprechend eingesetzt sind oder waren. Den Arbeitslinien sind private Zuchtlinien gegenüberzustellen. Solche privaten Zuchtlinien sind ausschließlich auf  Standardmaße, korrekte Farbverteilung, äußere Schönheit und dergleichen ausgerichtet. Arbeitslinien sollten nicht als private Haushunde eingesetzt werden. Und gut aufgebaute, hundegerecht ausgebildete  Zuchtlinien, die sind in den richtigen Händen genauso gut oder schlecht  aufgehoben wie jede andere größere Hunderasse auch. Wesentlich ist, dass der Halter ein solides Wissen und genügend praktische Erfahrung mit der Haltung von Hunden hat. In diesem Sinn ist auch die Haltung eines Kangals oder einer anderen Rasse von Herdenschutzhunden zu sehen.
Bei Arbeitslinien von Herdenschutzhunden sprechen wir bewusst von einem  "Aufbau" des Hundes. Der Aufbau, also die spezielle Widmung des Tieres,  geschieht beim Herdendienst zunächst dadurch, dass der Hund direkt in der Herde der Weidetiere geboren wird. Er sollte dort von seiner Mutter bzw. seinen Eltern lernen. Der Schäfer greift erst dann erzieherisch  ein, wenn der Hund beginnt, mit den Schafen etwas zu grob zu spielen, zum Beispiel, indem er an den verlockend wedelnden Ohren oder Schwänzen zu knabbern beginnt. Oder wenn er sich von den Schafen entfernt. Oder  auch in seiner Reaktion, wenn er von den Schafsböcken angegangen wird,  die ihre Lämmer meinen verteidigen zu müssen. Auch ein mögliches Aufreiten des Hundes auf die Schafe muss der Schäfer unterbinden.


Nicht töten, sondern abschrecken und vertreiben


Der Herdenschutzhund ist in seinem Grundverhalten ein Verteidiger. Die eigene Jagdstrategie beruht nicht primär auf einer Tötung angreifender Wölfe, sondern auf deren Verjagen. Das geschieht durch Scheinangriffe und sehr aggressiv klingendes, lautes Bellen.
Es geht eher um einen  Abschreckungseffekt und die Störung der Angriffsstrategie des Wolfes. Der Herdenschutzhund soll ja bei den Schafen bleiben statt eine  Verfolgungsjagd auf den viel schnelleren und wendigeren Wolf zu starten. Für eine Verfolgungsjagd wären Herdenschutzhunde allein aufgrund ihrer Masse viel zu schwer.


GSV: Menschen, die nichts mit  Hunden zu tun haben, dürften den Begriff des "Herdenschutzhundes" gar nicht kennen. Aber auch unter den Hundebesitzern ist die Kenntnis über Herdenschutzhunde keine Selbstverständlichkeit. Ich will den Begriff  erläuternd ausführen:

Herdenschutzhunderassen sind solche Nutzhunderassen, die im Gegensatz zu Treiber- und Hütehunden nicht in  erster Linie auf das Zusammenhalten einer Herde Schafe oder Ziegen gewidmet sind, also "nach innen". Sie sollen, eher umgekehrt, den Schutz der Herde nach außen hin gewährleisten. Das heißt, sie dienen  vorwiegend der Abwehr von Wölfen. Wenn es notwendig scheint, dienen sie auch der Vermeidung von Viehdiebstählen. Den Schäfer vor Ort kann ein Herdenschutzhund dabei nötigenfalls komplett ersetzen.
Verbunden mit diesem Aufgabenprofil ist eine Hundezüchtung in Richtung hoher  Selbstständigkeit und Entscheidungsautonomie der Rassen. Typische  Herdenschutzhunde, so heißt es bisweilen, handelten rasse- und  ausbildungsspezifisch nur im dringend erachteten Bedarfsfall, dann  jedoch sehr konsequent. Die durchbissene Kehle oder die aufgerissene Bauchdecke würde nicht nur den Wolf, sondern auch den tatsächlichen oder vermeintlichen Viehdieb betreffen. Unter deutschen Lebensverhältnissen könnte insofern selbst eine nutzungsspezifische Haltung Begriffe wie grobe Fahrlässigkeit oder ein Selbstjustiz-Ansinnen andeuten. Nach  Maßstäben menschlicher Ethik würde sich die Frage nach der  Verhältnismäßigkeit möglicher Mittel stellen.

Jaeger: Eine derartige Grundeinstellung zu diesen Hunden - ich spreche von  Arbeitslinien! - kann nur einem kranken Gehirn entspringen. Wir sprechen hier von nichttödlichen Methoden zum Herdenschutz von Weidetieren und nicht von bis ins Kriminelle reichenden Möglichkeiten einiger Halter, die Hunde falsch einzusetzen.
Herdenschutzhunde sind  von Haus aus Verteidigungshunde, nicht Angriffshunde. Und die  Verteidigung einer Schafherde kann sehr notwendig sein. Denn nicht nur der Wolf kann den Weidetieren gefährlich werden, auch etliche andere Tierarten wie Luchs, Bär und sogar diverse Vögel wie etwa Raben und Elstern.


Freunde von Schäfern, Freunde von Schafen


GSV:
Lassen sich Hüehund und Herdenschutzhund bei der Betreuung einer Schafherde eigentlich miteinander kombinieren?

Jaeger: Selbstverständlich. Aber freilich müssen die Hunde eine solche  Abstimmung der unterschiedlichen Aufgaben erst lernen hinsichtlich einer gegenseitigen Duldung. Den Hütehund könnte man als Freund des Schäfers bezeichnen und gleichzeitig als "Gegner der Schafe". Beim Treiben und  Zusammenhalten der Herde schnappt der Hütehund durchaus öfters nach den Läufen der Schafe. Den Herdenschutzhund müsste man im Gegensatz dazu als den "Freund der Schafe" bezeichnen.


GSV: Bei den  Hunderassen Labrador- oder Golden Retriever ist häufig die Rede von  einem ausgesprochenen "Will to please", einer betonten Neigung, dem  menschlichen Gegenüber gefallen zu wollen. Die gegenläufige Entsprechung beim Herdenschutzhund dürfte eher ein "Will to decide" oder "Will to act" sein, also hohe Selbstständigkeit?

Jaeger: Bei einer solchen von wem auch immer genannten Unterscheidung handelt es sich wie so oft um einen schönen Slogan, aber weniger um eine belegbare Haltung. Zunächst ist die Spezies Hund seit 15.000 Jahren vom  Menschen in Richtung ”Will to please” domestiziert worden. So verstanden könnte man mit allem Vorbehalt sagen, wenn es sich um einen Arbeitshund handelt, dann könnte man von der proklamierten Selbstständigkeit  sprechen. Falls es sich aber um ein als Haushund sozialisiertes Tier  handelt, würde die Antwort Nein lauten.


GSV: Fest  steht jedenfalls: Herdenschutzhunde nehmen einen Sonderstatus unter den in Deutschland gehaltenen Hunderassen ein. Wie hoch schätzen Sie eine  Unfallgefahr ein, durch Falschverhalten des Hundehalters?

Jaeger: Ich schätze diese Gefahr nicht höher ein als bei jedem anderen Hund  auch. Wichtig ist, dass ein Angriff in nahezu allen Fällen durch falsche Haltung des Menschen zustande kommt. Und bei einem großen, körperlich starken Hund ist zu beachten, dass eine Attacke gefährlicher ist als eine solche, die von einem kleinen Hund ausgehen kann.


GSV: Was genau ist Ihre eigene Motivation, einen Herdenschutzhund als Hausgenossen gewählt zu haben?

Jaeger: Der Wunsch, Erfahrung zu sammeln und Beurteilungsgrundlagen zu  erweitern. Insbesondere gilt dies für meine Beratungsarbeit in der GzSdW. Die GzSdW hat diese Rasse, den Pyrenäenberghund, als Herdenschutzhund gegen Wolfsübergriffe in Sachsen eingeführt. Grundsätzlich muss man auch zwischen den verschiedenen Rassen der Herdenschutzhunde unterscheiden. Der Pyrenäenberghund wurde ursprünglich gar nicht als Herdenschutzhund eingesetzt, sondern diente dem Adel als Wach- und Repräsentationshund in den Schlössern.


Hierarchie, machtbasiert, rituell, funktional oder gegenseitige Achtung auf Basis gleicher Augenhöhe?


GSV:
Häufig ist die Aussage zu lesen, klassischen Herdenschutzhunden gewähre man als Halter eher die "gleiche Augenhöhe". Der Hund sei hier mehr als  gleichberechtigter, souveräner Partner aufzufassen denn als ein Wesen, das sich unterzuordnen habe. Wie bewerten Sie diese Aussagen?

Jaeger: Ich würde diese Aussagen gegebenenfalls so unterschreiben, denn ich  denke, alle Halter von Hunden sollten es gegenüber allen Hunden so halten. Dabei wird oft verkannt, dass die Ablehnung "gleicher Augenhöhe" nicht gleichbedeutend ist mit einer Forderung nach Kadavergehorsam. Hierarchie kann durchaus sinnvoll sein.


GSV: Vor  allem bei Deutschen mit türkischer Abstammung, solchen, die mutmaßlich  nicht im Besitz einer Schafherde sind, scheint es einen Trend zur Haltung des "türkischen Nationalhundes", des Herdenschutzhundes Kangal, zu geben. Wie würden Sie eine Entwicklung zur Haltung des Kangals in Deutschland bewerten?

Jaeger: Zu einer solchen  Entwicklung kann ich nichts sagen, da ich die Quelle von solch undifferenzierten Äußerungen nicht kenne. Es kann sein, dass es in einigen Regionen mehr türkische Bürger gibt als in anderen Regionen. Die Türken sind sehr stolz auf ihre Kangals, auch wenn viele selbst Angst vor ihnen haben.


In Sachen Kampfhunde - zur Aussagekraft von Beißstatistiken


GSV:
Als vor mittlerweile schon wieder etlichen Jahren die Diskussion um sogenannte Kampfhunde aufkam, standen Rassen wie der Bullterrier oder der American Staffordshire Terrier im Fokus. Die Haltung bestimmter  Rassen geriet, zur Verärgerung der entsprechenden Hundebesitzer, in eine breite öffentliche, dabei pauschale Kritik. Wie kam es, dass nie von klassischen Herdenschutzhunderassen die Rede war?

Jaeger: Ganz stimmt das nicht. Denn ursprünglich waren quasi alle  Herdenschutzhunderassen auch Listenhunde der Kategorie 2. Das hat sich  inzwischen geändert. Grundsätzlich ist die Verurteilung von Rassen in Form von Listungen ein Armutszeugnis für die Halter, nicht für die Hunde.


GSV: Wie steht's mit der Unfall- und Beißstatistik speziell der Herdenschutzhunderassen?

Jaeger: Eine Statistik darüber ist mir nicht bekannt. Eine große Anzahl von  Bissverletzungen wird statistisch nicht erfasst und, wenn überhaupt, dann werden nur die absoluten Zahlen von Verletzungen gezählt. Ohne Bezug auf die Ausgangsmengen der jeweiligen Rasse. Insofern dienen diese Statistiken nur der Verunglimpfung bestimmter Rassen. Die meisten Bissverletzungen stammen von den Hunderassen mit großer Population. Einen Statistiker kann das nicht überraschen.


GSV: Wie und wo werden Herdenschutzhunde für ihren Dienst an der Herde heute in Deutschland ausgebildet?

Jaeger: Es dürften derzeit drei bis vier Schäfer in Deutschland sein, die sich  mit der Zucht und dem systematischen Aufbau von Herdenschutzhunden befassen. Die Rahmenbedingungen für eine solche Zucht sind sicherlich noch umstritten.

GSV: Herr Dr. Jaeger, freundlichen Dank für das Gespräch!



(Das Interview mit Dr. Rolf Jaeger, Gesellschaft zum Schutz der Wölfe,  führte Rainer Liesenfeld, Gassi-Service-Vorgebirge, am Freitag, 21. Mai  2010. Fürs Korrekturlesen danke ich freundlich Frau Sabina Schult,  Redakteurin der Agentur Satzzeichen
>> agentur-satzzeichen.de).

(Seite neu aufgesetzt 11.05.2014. Ggf. neu eingeschlichene Fehler betreffend, bitte ich höflich um Nachsicht).

Internet-Verweise:

>> Gesellschaft zum Schutz der Wölfe e.V.

>> Wolfsregion Lausitz


Buchliteratur:

Günther Bloch: Wölfisch für Hundehalter. Von Alpha, Dominanz und anderen populären Irrtümern


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