LITERATUR HUNDE - Buchbesprechung des Bello Service Vorgebirge

DAS ANDERE ENDE DER LEINE
von Patricia B. McConnell


Warum setzen wir Menschen uns eigentlich so intensiv mit Hunden auseinander?  Besitzen wir eine Schafsherde, zu deren Treiben wir Hilfe benötigten?  Nein. Haben wir Geld zuviel und müssen aufgrund dessen Einbrecher abschrecken? Nein. Folgen wir einem "Snob-Effekt" und gehen zur Jagd? Nein.

Der wohl mit Abstand prägnantere Grund dafür, dass der Haushund das  beliebteste Haustier des Menschen bleibt, ist ein anderer: Wir trachten  von den Hunden etwas über uns Menschen selbst zu erfahren.

So ist die Perspektive, die Patricia B. McConnell in Ihrem Buch "Das  andere Ende der Leine" wählt, eine folgerichtige. Am anderen Ende der Leine  hängt: der Mensch. Es geht in McConnells Buch um den Verhaltensvergleich zwischen den beiden Bio-Species Hund und Mensch. Die Unterschiede und  die daraus resultierenden Missverständnisse werden ebenso beleuchtet wie die Gemeinsamkeiten.

Den vielleicht augenfälligsten Unterschied macht McConnell sehr einprägsam  deutlich: Der Primat Mensch ist ein "Umarmungstier". Der Canide Hund ist es nicht. Was Menschen untereinander als herzliche Geste der Zuneigung  und innigen freundschaftlichen Annäherung begreifen, den  "ventral-ventralen Kontakt", die Umarmung mit Bauch an Bauch und Brust an Brust, das wird in der Konventions- und Ritualwelt der Hunde als  Anmaßung, Unverschämtheit oder gar direkte Bedrohung interpretiert.


Auch von den Gemeinsamkeiten von Hund und Mensch gibt es indessen einige. Die offenbarsten:

Sowohl Hund als auch Mensch sind soziale, also in Gruppen organisierte Lebewesen.

Sowohl Hund als auch Mensch sind hierarchisch organisierte Lebewesen.

Hunde lieben es - ebenso wie Menschen - massiert zu werden und Körperkontakt zu erfahren.


Kein Hundebuch ohne das faszinierende, spannende, weil von Menschen häufig  sehr ambivalent verwendete Schlagwort "Dominanz". Was ist das, Dominanz?

Das Sprachphänomen der Politischen Korrektheit hat längst den Bereich der  Hundefreunde sowie der ausgewiesenen und selbsternannten Hundeexperten  erreicht. Während allein der Begriff Dominanz bei den "politisch  Korrekten", den “Gutmenschen” verpönt scheint, pochen die "Konservativen", fast rotzig und trotzig, um so vehementer darauf. Man gewinnt den Eindruck, es handele sich um etwas Unanständiges; etwas, das von den einen  schamhaft als "unzivilisatorisch" gemieden, von den anderen wiederum als "natürlich" hofiert wird. Vielleicht machen beide Seiten den Fehler, diesen Begriff der Dominanz fehlerhaft zu interpretieren, jedenfalls  aber den Fehler, zu stark zu werten.

McConnell macht am Hundebeispiel deutlich, dass Dominanz nicht mehr und nicht  weniger als Wahlfreiheit bedeutet. Situationsbezogene Handlungsautonomie. Autonomie der Bewegung im Raum. Autonomie der  Richtungswahl im Raum. Autonomie über Nutzung oder Nichtnutzung  begrenzter Ressourcen.

Neben der Besprechung solcher immer noch heftig diskutierter Reizworte  bespricht McConnell die komplette Beziehung Mensch-Hund. Sie führt die Fragen auf, die jeder Hundebegeisterte dem Züchter beim Neukauf eines  Welpen stellen sollte. Sie verrät, was dem Welpeninteressenten während  des Besuchs beim Züchter nicht verborgen bleiben sollte: Nicht allein  das Verhalten des ins Auge gefassten Welpen gibt bedeutsame Hinweise über die Art der späteren Beziehungssituation Mensch-Hund. Viel  wichtiger kann es noch sein, die Elterntiere des Welpen zu beobachten.

McConnell beschreibt, wie leicht wir uns bei der Einschätzung eines Hundes vom  Vorrang unseres menschlichen Sehsinns täuschen lassen: genauso leicht,  wie wir bereits bei der Wahl unserer Geschlechtspartner reinzufallen  neigen.

Es gibt aus der menschlichen Soziologie eine Formulierung "die situative  Bedingtheit menschlichen Verhaltens". Solch einer situativen Bedingtheit sind - selbstredend - auch die Vierbeiner ausgesetzt: "Sie kennen Ihren Hund nicht wirklich, bevor Sie ihn nicht in den verschiedensten Situationen erlebt haben".

Ein Kapitel in McConnells Buch ist einem dunklen Thema gewidmet, dem Tod. Wie bewältigen wir die Trauerarbeit, wenn wir das Tappsen unseres Gefährten auf vier Pfoten nicht mehr hören dürfen? Und wie bewältigen im Rudel gehaltene Hunde die Situation, wenn eines ihrer Rudelmitglieder eines Tages reglos bleib?

Rainer Liesenfeld, 2011



Patricia B. McConnell: Das andere Ende der Leine - Was unseren Umgang mit Hunden bestimmt. 364 Seiten. Taschenbuch-Ausgabe. Piper Verlag München. 5.  Auflage April 2010. ISBN 978-3-492-25325-3.

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